Aliens, die uns lieben. Ein Appell.

Über die Bedeutung des Dialogs, über das mutige Miteinander und über Aliens in unserem Leben.

von Tomas Blum

Ein besonderes Vergnügen sind für mich die gemeinsamen Filmabende mit den Jungs. Neulich projizierten wir uns das Sci-Fi Abenteuer „Arrival“ auf die Wohnzimmerwand. Zwei Dinge lernen wir da von Aliens. Erstens müssen wir unsere Probleme gemeinschaftlich, als Menschheit anpacken. Wir müssen einander zuhören. Zweitens – und jetzt kommt ein Modewort – müssen wir lernen derart nachhaltig zu handeln, dass die Bedeutung des Wortes in seinem täglichen Sprachgebrauch verblasst. Die Aliens helfen uns nämlich, weil sie in die Zukunft sehen können und daher wissen, dass widerum sie einmal, in dreitausend Jahren, unsere Hilfe benötigen werden. Eine Hand wäscht die andere, über die Jahrtausende hinweg. Diese Aliens muss man einfach lieb haben. Nur, so fragen wir uns im Anschluss an das Filmvergnügen, warum schaffen wir Menschen das einfach nicht, einander zwischen den Generationen die Hand zu reichen?

Als Junge beeindruckte mich eine Fernsehserie, deren spätabendliches Vergnügen ich mir damals bei den Eltern erquengeln musste. Carl Sagan führte seine Zuschauer durch den „Cosmos“. Ein für die damalige Zeit aufwändig produziertes Epos der Wissenschaftsgeschichte. Die Serie war weltweit erfolgreich. Meine Begeisterung galt nicht allein den reichhaltig bebilderten Ausflügen zu den Wurzeln der Kultur, die das Fundament der modernen Wissenschaft legten. Mich begeisterte die Erzählkraft von Carl Sagan, seine universelle Weitschweifigkeit, die das Abenteuer Menschheit waghalsig auf den Punkt brachte: Wir haben uns befreit. Wir Menschen, Entdecker und Forscher, haben uns durch die Wissenschaft befreit von den Fesseln der Naturgewalt, der Konventionen, des Aberglaubens.

Wir haben uns selbst erkannt. Eine Selbsterkenntnis, für die wir den hohen Preis der verbotenen Frucht zahlen. Sagan sparte die Gefahren wissenschaftlicher Erkenntnisse und Errungenschaften nicht aus. Zuletzt stellte er im Finale seiner Sendung die Frage: „Wer spricht für die Menschheit?“ Weil eben diese Menschheit durch die Früchte der Erkenntnis auf dem besten Weg ist, sich selbst zu zerstören. Wer spricht für uns? Wer kann uns helfen? Gibt es da jemanden „außerhalb“, der uns zurück zur Vernunft bringt?
Der vor wenigen Jahren in den Kinos gezeigte Spielfilm „Arrival“ dürfte dem verstorbenen Carl Sagan gut gefallen haben. Denn die freundlichen Aliens statten unserer Erde nur aus diesem einzigen Grund einen Besuch ab: Sie wollen uns helfen.

Shot aus dem Film „Arrival“. Die Forscherin links im Bild, gespielt von Amy Adams, zeigt mehr Mut als alle Militärs zusammen. Mutig muss man auch sein, wenn man kreisförmige Schriftzeichen fremder Intelligenzen entschlüsseln will, und auch sonst… Regie führte Denis Villeneuve.

Handeln für die Zukunft.

Aus meinem großen Bruder ist ein Physiker geworden. Das war uns schon immer klar.

Ich erinnere mich an sein Jugendzimmer. Im Kleiderschrank verstaute er die Kleidung auf engstem Raum, weil er mehr Platz brauchte für seine Bücher. Alles war voller Bücher. Das war schon deshalb aufregend, weil es sonst im ganzen Haus keine Bücher gab. Das dreibändige Konversationslexikon der Eltern war aus den Fünfzigern und längst veraltet. Leider hatten die Bücher meines Bruders einen Haken. Sie enthielten Formeln, im fortlaufenden Text, und das war für mich, dessen Interesse für die Literatur aufkeimte, unerhört. Zu meinem Glück saß zwischen den Büchern mein Bruder, um zwischen den kryptischen Formeln und mir zu vermitteln. Falls wir uns nicht um vermeintliche Ungerechtigkeiten bei der Verteilung von Süßigkeiten (um solche Sachen eben) stritten, dann erfuhr ich von ihm im Zwiegespräch aus dem Universum der Wissenschaften. Einmal kam ich in sein Zimmer, und er schrieb in sein Tagebuch, was er soeben aus den Tagebüchern Einsteins erfahren hatte: „Moralisch handeln? Jedoch bezogen auf welchen Zeitraum?“

Ich war entsetzt zu hören, dass Einstein sich in einem Brief an den damaligen Präsidenten Roosevelt wandte, um ihn wegen der Übermacht der Nazis vom Bau der Atombombe zu überzeugen. Die Nazis waren aus Einsteins Sicht das größere Übel als eine Massenvernichtungswaffe, die unsere gesamte Welt vielfach zerstören kann. Auch aus heutiger Sicht scheint das plausibel. Die Folgen sind kaum auszudenken, hätten Heisenberg und die Deutschen das Wettrennen um die Bombe gewonnen. Gedankenspiele wie diese prägten meine Jugendzeit. Es war eine Zeit der Demonstrationen, des Nato-Doppelbeschlusses und der Friedensbewegung, der aufkeimenden Umweltbewegung. Die Aufklärung, so lehrte man es uns in der Schule, sei der Aufstieg des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Alles also eine Frage des Wissens und der kritischen Haltung. Hätte man uns damals erzählt, kaum zehn Jahre später werde es ein weltumspannendes Internet geben und das Wissen werde wie Wasser aus der Leitung direkt in unsere Zimmer laufen – wir hätten es nicht für möglich gehalten. Wir hätten es schlicht nicht geglaubt, dass man für die Recherchen zu einer Hausarbeit per Mausklick Gleichgesinnte findet in Übersee und über briefmarkengroße Videobilder den Austausch mit Fremden aus Indien oder Kanada pflegt. Wirft man einen Blick in die klassische Science-Fiction-Literatur, so wäre die Zeit der Jahrtausendwende eine Zeit der wahrgewordenen Utopien gewesen. Noch in den Siebzigern trugen selbst die Parteiprogramme der konservativen und liberalen Parteien stolz das Banner der Sozialstaatlichkeit, priesen den Wohlstand für alle. Doch die anschließenden Achtziger waren nicht nur die Zeit der Friedensbewegung. Es war auch die Zeit der überfüllten BWL-Hörsäle und des durch Reagan und Thatcher vorangetriebenen Liberalismus. Mögen sich die Hypertext-Visionen des vergangenen Jahrhunderts auch erfüllt haben. Doch das Wissen der Welt in unserer Hand macht uns noch nicht zu aufgeklärten Humanisten. Aus dem Internet ist eine Geldmaschine geworden.

Alle analogen Menschen werden Brüder.

Zurück in die analoge Jugendzeit. Eine Frage stand für mich über den anderen: Warum handeln „wir“ aufgeklärte Menschen so häufig wider bessere Erkenntnis? Ist es schlicht eine Frage der Bequemlichkeit? Fehlt uns ein kollektives Bewusstsein? Eine Antenne zum empfindsamen „Wir“? Sollte das am Ende eine Frage mangelnder Vorstellungskraft sein? Irgendwas stimmte da für mich nicht mit der Aufklärung.

Sapere aude! So heißt es bei Kant. Und er übersetzt die lateinischen Worte: „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Das sei also der Wahlspruch der Aufklärung. Ist Mut also der entscheidende Faktor, um der Unmündigkeit zu entrinnen. Mut ist letztlich das Motto der Aufklärung. Boldly go! Das ergab für mich Sinn. Nicht ohne Grund war Kirk der Chef an Bord der schicken Enterprise, die zu futuristischen Klängen kreuz und quer über den Bildschirm zischte, und nicht der Logiker Mr. Spock. Es braucht also Mut, um aufgeklärt zu werden.

Nicht ohne Grund war Kirk der Chef an Bord der schicken Enterprise und nicht der Logiker Mr. Spock.

Carl Sagans Wissenschaftsgeschichte „Cosmos“ war nur so gespickt von mutigen Frauen und Männern, die ihr Leben aufs Spiel setzten für Erkenntnisse, die heute zur Allgemeinbildung gehören, zu den Grundsteinen der modernen Wissenschaft. Ich erinnere mich beispielsweise an die Astronomin und Philosophin Hypatia, die im Alexandria des 5. Jahrhunderts brutal zu Tode kam durch einen aufgebrachten christlichen Mob. Hypatia wurde zum Spielball religiöser Verblendung; gewiss missfiel auch manchem Herrn die überlegene Weisheit einer Dame. Galilei, der Begründer der modernen Physik, widerrief nach einigem Hin und Her vor der Inquisition, um vor der Geschichte dennoch recht zu behalten. Wenn man nur vorher wüsste, wieviel Mut es braucht, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, um den eigenen Standpunkt zu vertreten und um die bestmögliche Entscheidung nicht nur für sich selbst, sondern auch für zukünftige Generationen zu treffen. So ging es mir damals durch den Kopf.
Unterstellen wir heute, dass die großen Denker und Verantwortungsträger in Politik und Gesellschaft mutig sind, dass auch wir selbst es sind, woran hapert es dann? Das Wissen ist da, am kritischen Denken fehlt es nicht, warum handeln wir nicht (oder nur eingeschränkt) gemäß unserer Einsichten?

Unterstellen wir heute, dass die großen Denker und Verantwortungsträger in Politik und Gesellschaft mutig sind.

Eine Antwort auf diese Frage finden wir, bereits in der Wiege der Aufklärung, bei Friedrich Schiller. Denn anders als Kant übersetzt er den lateinischen Imperativ „Sapere aude!“ mit den Worten: „Erkühne dich, weise zu sein.“ So heißt es bei ihm. Während Kühnheit und Mut nicht weit voneinander entfernt liegen, stellt Schiller dem Verstand Kants also die Weisheit gegenüber. Der Verstand ist ein Instrument, das geschliffen werden kann, das durch Übung an Präzision gewinnt. Die Weisheit hingegen bezieht den lebendigen Menschen mit ein. Es gibt keine Weisheit ohne die Menschen, ohne Schmerz und Freude, ohne das menschliche Miteinander, ohne den Irrtum – während ein scharfer Verstand die Empfindung als subjektiven Ballast zu eliminieren sucht. Schillers Vorstellung von der Aufklärung unterscheidet sich von derjenigen Kants. Bei ihm geht es nicht ohne die Herzensbildung. Der Verstand ist nicht losgelöst vom menschlichen Gefühl und vom Mitgefühl. „Alle Menschen werden Brüder“, schreibt Friedrich in der Ode an die Freude. Ein Wunsch, der mir als Kind beim Betrachten von Sagans Wissenschaftsgeschichte „Cosmos“ in Reichweite zu liegen scheint. Am Ende scheinen doch all die Denker der Jahrtausende in einem Dialog zu stehen, der die Menschheit insgesamt der Weisheit näher bringt.

Alle Menschen werden Brüder. Eine Vision, die durch das Internet Wirklichkeit geworden sein könnte. Nicht nur der Diskurs großer Denker aus Jahrtausenden liegt uns im wahrsten Sinne des Wortes hochglanzpoliert auf der Hand, sondern auch der Dialog mit der Gegenwart. Die spendable und bequeme Verfügbarkeit der Fakten und Postfakten liefert uns alles, doch die Antenne zum empfindsamen „Wir“ ist sie ganz sicher nicht. Was läuft da schief?

Der digitale Mensch ist ein Mitläufer.

Wir wissen immer schon oder könnten potenziell wissen, wenn wir nur das Smartphone aus der Hosentasche ziehen. Der neueste Schrei sind Apps, die Sachbücher paraphrasieren und in kleinen Häppchen als Horsdœuvre vor dem nächsten Meeting oder der Cocktailparty servieren. So wie man in der Muckibude den gesellschaftlich sanktionierten Fit erhält, kann man in Einzelhäppchen trainieren, was man sagen soll, wenn man auf ein bestimmtes Thema angesprochen wird. Das schreibt im wesentlichen das Funktionsschema der Schulbildung fort. Faktensammeln und zur passenden Zeit wiedergeben.

Ein Zwiegespräch kommt zwischen Faktensammlern nicht mehr vor.

Um das Zwiegespräch ist es schlecht bestellt. Ein Zwiegespräch kommt zwischen Faktensammlern überhaupt nicht mehr zustande, weil sie sich bloß Bälle zuwerfen, die immer zum Spiel gehören. Bloß keine Blöße! So sagen wir aus eigenen Stücken nur noch das, was uns eingetrichtert wurde. So tun wir bald aus eigenen Stücken das, was von uns erwartet wird. Wir begeben uns selbst in den Rahmen, innerhalb dessen wir funktionieren und darin unser persönliches Wachstum und das Wachstum unserer Kinder organisieren. Unser Verständnis des Zwiegesprächs verkommt auf diese Weise bestenfalls zu einer diffusen Vorstellung von Coaching zum Zwecke der Optimierung. Der Gipfel ist erklommen, wenn wir von Frustrierten zu Funktionierenden werden. Lieber stopfen wir Psychopharmaka in die Hälse unserer Kinder als nach den in uns selbst liegenden Ursachen für ihre Normabweichungen zu forschen oder die Normen selbst zu hinterfragen.

Wir organisieren unser persönliches Wachstum auf der Basis von Konsum, und die Auswertung unseres Konsumverhaltens transkribiert uns zu Menschen, deren Vorlieben lesbar und vorhersehbar sind. Gleichzeitig verändert sich unser Verständnis vom Wollen. Etwas zu wollen, das bedeutet jetzt, zwischen gegebenen Optionen auszuwählen oder entfernte Optionen greifbar werden zu lassen; etwa ein entsprechendes Einkommen ermöglicht exotische Urlaubsziele. Wollen ist für viele heute gleichbedeutend mit Auswählen, wobei die Auswahl ohne Zwang möglich sein soll. Nicht wenige würden wohl die zwanglose Auswahl für Freiheit schlechthin halten. Persönliches Wachstum entsteht dieser Logik zufolge durch Besitz und durch die Auswahl der entsprechenden Optionen, die zu weiterem Besitz führen. Besitz und Freiheit werden untrennbar miteinander gekoppelt. Die Freiheit lässt sich auspreisen, sie wird zählbar. Die „optionale Freiheit“ kann man buchen, sie ist der stolze Erzählstoff auf den Terrassen der heimgekehrten Urlauber, die ihre Prinzipientreue in den Compliance-Vereinbarungen mit ihren jeweiligen Arbeitgebern, zu denen sie am Montag nach den Ferien zurückkehren werden, per Unterschrift bestätigt haben. Weitere Prinzipien gibt es nicht. Die optionale Freiheit kennt kein Gewissen und keine Prinzipien, außer dieses Prinzips der Auswahl zwischen den Optionen. Die Welt hält keine Entdeckungen mehr bereit, sie ist ein Katalog aus Reisezielen, deren Ausstattungsmerkmale sich vergleichen lassen. Und dieser Blick auf die Welt offenbart eine Unfreiheit des Denkens, das jegliches Interesse an der offenen Begegnung verliert. In Wahrheit wollen wir keine Entdecker mehr sein. Die Menschen, die zwischendrin herumlaufen, interessieren uns nur am Rande. Der Zauber und der Mut des Zwischenmenschlichen verkommen zum Tindern in Echtzeit. Denn im Hintergrund vollzieht sich ein Wandel unserer Vorstellung vom Miteinander, das wir zunehmend für ein reines Organisationsproblem halten. Die Sklaverei ist abgeschafft. Es gibt allenfalls Menschen mit mehr oder weniger Optionen. (Das ist übrigens, zu meinem großen Bedauern, zynisch.)

Während Carl Sagans beredte Begeisterung beim Durchwandeln der virtuellen Bibliothek Alexandrias auf mich überschwappte, unterließ der kluge Wissenschaftler und Moderator nicht den Hinweis darauf, dass mutige Menschen zu allen Zeiten die Dinge und das Denken selbst hinterfragt haben, selbst den Lauf der Sterne haben schon die alten Griechen in Frage gestellt – nicht aber die Fesseln der Sklaverei.

Die virtuell nachgebaute Bibliothek im antiken Alexandria. Das Buch zur Serie „Unser Kosmos“ erschien damals bei Droemer Knaur. Der 380 Seiten dicke Schinken ist aus meiner Jugendzeit nicht wegzudenken. Noch heute blättere ich gern darin.

Aha, staunte der jugendliche Fernsehgucker. So war das also. Die Grenzen des Denkens lagen scheinbar andernorts als die Grenzen, innerhalb derer gedacht wurde. Die Früchte des Baumes der Erkenntnis wurden nicht einfach so zwischen allen aufgeteilt, sondern die Hungrigen mussten sich ihre Teilhabe wohl erkämpfen. Ein Freiheitskampf, den wir heute für gewonnen halten, weil uns mancherorts die Trauben in den Mund hängen.

„Wenn wir nur noch mit Auswählen beschäftigt sind, werden wir verlernen, was wir wollen. Wenn wir nicht mehr trotzen, dann funktionieren wir. Während wir gut funktionieren, vergessen wir, was wir brauchen.“

Tomas Blum

Denkgewohnheiten nicht in Frage zu stellen, mag bei den alten Griechen andere Gründe haben als heute. Mitläufertum ist jedoch die geradezu logische Konsequenz der optionalen Freiheit. Wir antizipieren unsere (gegebenenfalls tatsächliche) Rolle als Zahnrad im Getriebe der Welt und erklären uns mit dem Getriebe einverstanden. Wir überlassen das Denken vernünftigerweise den Profis. So zeigt sich erneut ein ohnmenschliches Bild vom Miteinander. Teilhabe bedeutet Organisation. Wer die Organisation stört, der ist beispielsweise ein Zwischenrufer, ein Nörgler, ein Schulschwänzer. Es sind die Profis, die vorgeblich alles am Laufen halten, und „die Anderen“, die noch nicht so genau mitbekommen haben, wie das hier läuft. Daran ändert das Internet weniger als uns lieb sein kann. Im Gegenteil perfektionieren Algorithmen auch das Mitläufertum. Doch selbst, wenn es wahr ist, wie der Philosoph Max Horkheimer es beschreibt, dass der Fortschritt letztlich nur noch im „Auf-die-Knöpfe-drücken“ liege, so dürfen wir uns noch lange nicht als Knöpfedrücker verstehen. Vielmehr gilt es, unserer Lebendigkeit gewahr zu werden. Es ist ja nicht so, als würden wir heute nicht auf den Schultern der Aufklärung stehen, als gebe es keinen Fortschritt. In der freien Gesellschaft bedarf es lediglich eines Seitschritts von der optionalen Freiheit hin zur Freiheit der Möglichkeiten des Einzelnen; die Freiheit der Algorithmen versus die Freiheit des eigenen Willens. Denn was steht für uns alle auf dem Spiel? Wenn wir nur noch mit Auswählen beschäftigt sind, werden wir verlernen, was wir wollen. Wenn wir nicht mehr trotzen, dann funktionieren wir. Während wir gut funktionieren, vergessen wir, was wir brauchen.

Die Entrüstung gefällt sich selbst.

Der Mut ist uns also abhanden gekommen? Wir wollen es bequem? Jedenfalls bündeln wir die Vielfalt der Berührbarkeit der Welt auf das Paradigma des Touch-Screens. Innerhalb dieses Paradigmas halten sich die Entrüsteten für mutig. Denn wie der Mut so bringt auch die Entrüstung den Blutkreislauf in Gang. Für die Entrüsteten gilt die Eruption des flüchtigen Worts, und das Feuerwerk des flüchtigen Worts gilt im einen Moment alles, im nächsten gilt es nichts (mit Ausnahme der eventuell davon Be- und Getroffenen!). Es hinterbleibt die zerstörerische Kraft der starken Worte. Das lässt sich auf die politische Bühne skalieren. Ein starker Politiker ist heute einer, der sich entrüstet, nicht bloß, weil er Mut mit Entrüstung verwechselt, sondern auch, weil Entrüstung medienwirksam ist. Darin liegt weniger eine Kritik an der Politik als vielmehr eine Kritik an denen, die im entrüsteten Gehabe eine Stärke sehen. Im Sinne der Aufklärung gehört kaum Mut dazu, um sich das klarzumachen. Der Entrüstete gefällt sich selbst und stellt sich gern zur Schau; der Mutige wäre gern woanders, er fühlt sich keiner Kameralinse verpflichtet, sondern dem Gewissen. Entrüstung ist selbstbezogen und von seiner Natur her nicht am Zwiegespräch interessiert.

HashtagDasdarfjawohlnichtwahrsein.

Aus meiner Sicht ist die Frage des richtigen Tons keine wünschenswerte Nebensächlichkeit. Wie ich am Beispiel der Entrüstung zeige, offenbart sich an ihr der (Un)wille zum Zwiegespräch. Das anästhesierende Wechselspiel aus Entrüstung und Gegenentrüstung ergibt einen Rüstungskreislauf, die wenig bis keine Veränderung bringt, außer vielleicht dass es immer lauter wird. Der Entrüstete interessiert sich weder für die Position des Anderen noch für eine Lösung. Die Entrüstung gibt ihm seine Daseinsberechtigung auf der medialen und digitalen Bühne. HashtagDasdarfjawohlnichtwahrsein. HashtagJetztreichts. Wer in einem solchen Klima konstruktive Vorschläge unterbreitet, wird schon zum Verräter an der einen oder anderen Sache gestempelt, kaum dass er den Mund aufmacht. So wird es riskant, sich zu engagieren, für etwas einzustehen. Um so mehr gilt es, bereits im kleinsten Umfeld der Entrüstung etwas entgegenzusetzen, dem Entrüsteten zu sagen, dass seine defätistische Weltsicht nicht geteilt wird.

Sich ein Herz fassen.

Das jugendliche Aufbegehren gegen die professionelle Prokrastination der Verantwortlichen beim Bewältigen der drängenden Menschheitsprobleme ist keine Spinnerei auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Die junge Generation ist uns Älteren um Lichtjahre voraus, bloß weil sie uns beim Wort nimmt. Ein Klima-Einstein richtet heute nichts mehr aus. Jedoch in Verantwortung stehende Politiker könnten etwas ausrichten, welche die Botschaft einer Greta Thunberg ernst nehmen und demonstrieren, dass ein grundlegender Unterschied besteht zwischen dem Auswählen einer Option aus dem Strauß der Meinungsforschungsanalysen und einer Entscheidung. Eine Entscheidung ist ein Weg und kein Optionenpicken. Wenn wir den Mut finden zu neuen Formen der Teilhabe, die nicht auf einem autoritären Gefälle beruhen, sondern auf Gleichberechtigung, dann gelingt uns im Großen, was uns im Kleinen durch das Zwiegespräch gelingt: An der Lösung dieser Aufgabe offenbart sich unser zukünftiger Mut, weise sein zu wollen. Und an mutigen Köpfen fehlt es uns nicht. Um auf Carl Sagan zurückzukommen, vielleicht vollbringen wir auf diese Weise das Werk, dass zukünftig die Menschen für die Menschen sprechen und nicht alterskarierte Politiker oder Profis oder Algorithmen.

Die Quintessenz des gelingenden Gesprächs (für das ich vorangehend die vielleicht etwas staubige Formulierung Zwiegespräch verwende) liegt in der Beziehung zu den Menschen und zur Welt. Henry David Thoreau markiert für mich bereits im 19. Jahrhundert die möglichen Gegensätze dieser Beziehung: Du kannst dein Leben erringen durch Lieben. Oder du versinkst in der Resignation. Wer willst du sein?

Eine Entscheidung ist ein Weg und kein Klicken.


Übrigens habe ich ein wichtiges Detail aus der oben genannten Heimkinovorführung noch nicht erzählt. In dem Film ging es um Liebe, um das gelingende Gespräch (ach ja, auch mit tentakligen Aliens – sehr sehenswert, man weiß noch nicht mal, wie man da die Hand schütteln soll) und um Mut. Um den Mut zum Gespräch. Tatsächlich haben wir die Wahl. Oder, während wir uns entrüsten, warten wir noch ein wenig. Auf Aliens, die uns lieben.

Tomas Blum war 20 Jahre lang tätig als Autor für Awareness-Kampagnen mit den Themenschwerpunkten Geschäftsethik und IT-Sicherheit sowie als Ghostwriter in der politischen Kommunikation und für internationale Coaching-Firmen. Er war Teilnehmer an der Autorenwerkstatt Prosa im Literarischen Colloquium Berlin. Im Herbst 2019 erscheint sein Romandebüt.

(c) 2019 by Tomas Blum
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„Arrival“ – Für Kinoabende mit Fans von Sci-Fi und Drama sehr zu empfehlen. Meinen Söhnen und mir jedenfalls hat’s sehr gut gefallen. (c) Trailer und Bild oben Sony Pictures Germany.