Die Stimme finden.

Meine Erlebnisse am Theater gleichen den Herausforderungen, denen ich mich beim Schreiben stelle. Drei Bausteine sind von zentraler Bedeutung, die ich hier für euch benennen möchte.

Vor einiger Zeit machte ich eine interessante Entdeckung.

Ich hatte zuvor an der Studiobühne der Reduta Berlin einen Text von mir inszeniert und dabei festgestellt, was mir im Gegensatz zu den darstellenden Schauspielern (zwei Profis, Matteo Forni und Lisa-Maria Damm, die sich sehr gewissenhaft auf ihre Rollen vorbereiteten) fehlt: eine „Stimme“.

Die Anführungszeichen deuten es an, es geht mir nicht um’s sprechen. Ich meine auch nicht bloß den Willen zum Ausdruck (der war bei mir schon immer vorhanden, seit meiner Kindheit habe ich viele Tausend Seiten geschrieben). Es geht mir hier auch nicht um Erzählhaltungen oder starke und schwache Charaktere, sondern um das, was dahinter liegt. Es geht mir um den Mut, schonungslos dem Impuls zu folgen, der mich zum Schreiben antreibt. (Aus der gegenläufigen Perspektive betrachtet, geht es mir auch mit dem Lesen so. Ich will Bücher lesen, wenn sie einen Impuls auf mich ausüben, dem ich folgen muss.)

Matteo Forni und Lisa-Maria Damm in „Eine europäische Dame“ (in Kürze gibt’s in meinem Block einen Beitrag zur Aufführung)

Irgendwann im Sommer nach der Aufführung von „Eine europäische Dame“ hat es bei mir Klick gemacht. Was war geschehen, dass ich plötzlich einen Schlüssel zu meiner Stimme gefunden hatte? Denn plötzlich, zum ersten Mal in meinem Leben (!), habe ich mich direkt mit einem Manuskript an einen Verlag gewendet, und einen Monat später war die Zusage da.

Folge dem Impuls.

Bis dato erschien mir die Welt aus einer Aneinanderreihung von Prüfungen, deren von dunkler Seite auferlegter Sinn darin lag, herauszufinden, wohin man (wohin es) mich treiben würde. Das ist trotzdem ein sehr lebenswertes Leben, denn viele (auch selbst auferlegte) Prüfungen habe ich bestanden. Den schweren Prüfungen versuchte ich keineswegs aus dem Weg zu gehen, sondern gewöhnte mich an die neuen Schweregrade und Anforderungen. So gewöhnte ich mich an Anforderungen und Ziele, die nicht meine waren. Ich funktionierte im Alltag. Leistete saubere Arbeit als Auftragsschreiber, jedoch die eigenen literarischen Projekte hatten es auf der langen und immer längeren Bank bequem: Die Ideen schlummerten in meinem Kopf, nichts passierte.

Wir leben ja heute in einer Welt, welche das Funktionieren (Performance) zu Glück verklärt. „Performance“ gibt’s auch im Angebot als Verb „performen“, besonders bei geschäftlichen Anlässen, im Kreativbereich, immer mehr auch in der Freizeit oder sogar sexuell. Besonders in meinem Geschäftsleben habe ich eine professionelle Einstellung zum Schreiben erlernt. Ich kann „performen“, meine Kunden sind stets zufrieden.

Beim literarischen Schreiben geht es nicht um Performance im beschriebenen Sinn. Hier muss ich an den Punkt gelangen, an dem mir alle anderen Ansichten und Vorbehalte und die Ansprüche der Welt im Kopf egal werden. Ich habe die Dinge Zeit meines Lebens für mich in meinem Kopf und auf meiner Tastatur bewegt. Doch es gelingt mir erst seit wenigen Jahren, ehrlich zu mir selbst zu sein. Ich habe mich in meinem Kopf befreit. Innere Freiheit ist der Motor meines Schreibens.

Theater ist so viel realistischer als das Leben.

Zu dieser inneren Freiheit hat auch meine Begegnung mit dem Theater beigetragen. Nicht nur als Autor, auch als Laie kam ich dort mit dem Schauspiel in Berührung. Ich habe euch darüber in meinem Beitrag „Twittern mit Kafka und Trump“ (den ihr hier nachlesen könnt) erzählt. Die Reduta Schauspielschule bot mir als Berufstätigem weitreichende Einblicke in das Handwerk der Schauspielkunst, und die halbjährige Ausbildung führte mich an zwei Abenden pro Woche in die grundlegenden Schauspieltechniken ein. Dazu zählen Sprecherziehung, die Grotowski-Technik und diverse Bewegungsfächer. Die Kurse wurden von den renommierten Dozenten der Reduta unterrichtet.

Schauspielkurs für Einsteiger, Umsteiger und für alle die es noch einmal wissen wollen. Aktuelles Angebot der Reduta Berlin im Internet. HIER klicken, um die Seite zu öffnen.

Besonders beeindruckte mich die Grotowski-Arbeit: Dabei geht es besonders intensiv um den körperlichen Ausdruck, Stimme und Gesten. Grundprobleme des Handelns, Denkens und Fühlens auf der Bühne sind Schwerpunkte der Arbeit nach Grotowski. Und hier treffen sich die Erlebnisse am Theater mit den Herausforderungen, denen ich mich beim Schreiben stelle. Drei Bausteine sind von zentraler Bedeutung, die ich hier benennen möchte.

Befreiung, weil Künstler erst durch Kenntnis ihrer selbst zum Medium werden, das es vermag, umfassend in andere Rollen einzutauchen.

Verwandlung, weil erst die Bereitschaft zur Veränderung und zum Wandel eine Persönlichkeit formt, die andere Rollen und Perspektiven zulässt.

Und ganz besonders wichtig, nicht nur für die Kunst, sondern für das Leben:

Liebe, weil erst durch eine Haltung der Hinwendung und Aufmerksamkeit wirkliches, inneres Wachstum möglich wird. Teresa Nawrot brachte das im Gespräch mit mir auf den Punkt: „Schauspiel ist Befreiung, Liebe und Verwandlung.“ Und jetzt (durch das Schreiben) verstehe ich ihre Worte.

Die Reduta Berlin bietet auch in diesem Jahr wieder die Möglichkeit einer Teilnahme am „Schauspiel neben dem Beruf“. Hier findet ihr alle Infos im Internetangebot der Reduta. Ich wünsche euch diese Erfahrung von Herzen!

So schrieb die ZEIT im Jahr 2010 über das Angebot der Reduta Berlin. HIER klicken, um den Artikel als PDF herunter zu laden.
Teresa Nawrot im Jahr 1969. Sie ist eine polnische Schauspielerin und Gründerin der Schauspielschule „Reduta Berlin Schauspielschule für Film und Theater“. Nawrot studierte an der Aleksander-Zelwerowicz-Theaterakademie Warschau und war im von Jerzy Grotowski gegründeten „Teatr Laboratorium“ als Schauspielerin und Assistentin des Gründers tätig. Sie ist das einzig noch lebende Mitglied dieses Ensembles und eine lebende Legende der internationalen Theaterwelt.

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