Der innere Dialog

Wir lassen uns heute nicht beschämen? Dieser gigantische Irrtum unserer Zeit wird genährt durch ausgeklügeltes Marketing, das viele Gesichter trägt.

Foto oben: Reduta Berlin, www.reduta-berlin.de
Tamara Losert

Über die fiktionale Thematisierung der Scham durch die Erzählhaltung

In diesem Beitrag:
Scham und Erzählen
Die unerkannte Depression
Scham und Rollenkäfig

„Der Weg des Menschen“ ist eines der Bücher, die mich früh in meinem Leben so nachhaltig beeindruckt haben, dass sie bis heute Einfluss auf mein Denken nehmen. Martin Buber beschreibt in sechs Abschnitten die seelischen Stationen, an denen ein Mensch reift, scheitert, schaut und wächst. Der erste Abschnitt dreht sich um die Frage: „Wo bist du?“

Wo bist du?

Eine einfache Frage. Wir hören sie Telefonierende sagen, wenn sie von ihrer Gesprächspartnerin oder ihrem Gesprächspartner erfahren wollen, in welche Gegend, in welchen Raum dieser Welt sie mit ihrem Telefonanruf vorzudringen meinen.

Ich bin in der U-Bahn. Auf dem Eiffelturm. Auf einem absurd hohen Gipfel, der nun auch über das Mobilfunknetz erreichbar ist. Jedenfalls bin ich nicht in einem Funkloch.

Die Verstreuung unserer Gesprächspartner über den Globus (und ihre Erreichbarkeit dort) ist so beeindruckend wie unser Interesse an dieser Frage. Wo bist du (wo ich gerade nicht bin)?

Welchen Unterschied macht es beispielsweise, ob ich diese Zeilen an dich (liebe Leserin, lieber Leser) niederschreibe in einem kleinen Hinterzimmer, das spärlich von einem Kohlenofen beheizt wird, oder im Liegestuhl, an einem warmen Südseestrand dem Rauschen der Wellen lauschend? Verändert sich dadurch der Sinn meiner Worte?

Es scheint also noch eine weitere, ungestellte Frage hinter der nach dem Standort zu liegen.

Kein Gespräch ohne Ortungsfunktion

In einem anderen Buch Martin Bubers, seinem zentralen Werk „Ich und du“, zeigt er, dass in der Verortung des Menschen der höchste Zauber und das tiefste Dilemma der eigenen Existenz nebeneinander liegen. „Ich werdend spreche ich Du“, schreibt Buber dort, und eine Idee des Satzes lässt sich herausschälen, wenn wir ihn, seiner eigenen Logik folgend, befragen:

Wer bin ich, wenn ich nicht mein Gegenüber anspreche? Wenn ich nicht in den Dialog mit „dir“ trete? Gibt es dann kein Ich? Bin ich dann ein Niemand? Oder liegt der Fokus Bubers Satz auf dem Werden? Wenn ich nicht werde, dann scheine ich also irgendwie unvollständig und statisch zu sein. Kein vollständiges Ich also ohne Ansprache eines Du.

Der Wille zur Ansprache meiner oder meines Nächsten ist die Grundbedingung für mein eigenes persönliches Sein und Werden. Es zählt der Wille zum Dialog, und es zählt die Art und Weise, wie ich das Gespräch führe. Denn auch wie ich „Du“ spreche, formt mich. Noch einmal der Satz Bubers: „Ich werdend spreche ich Du.“

Vor diesem Hintergrund erhält die Frage „Wo bist du?“ eine viel größere Bedeutung: Wir wollen uns durch die Vergegenwärtigung des Angesprochenen und seines Standorts ebenfalls wiederfinden. „Bist du vielleicht an einem erstrebenswerteren Ort als ich es bin?“ „Bist du weitergekommen als ich?“ „Wie bist du dorthin gekommen?“
Wo in meinem Leben stehe ich, wenn du dort stehst?

Die unerkannte Depression

Die Hauptfigur in meinem Roman „Wofür wir uns schämen“ befindet sich an einem Ort, an dem er, wie es im ersten Satz heißt, „sein halbes Leben lang lächelt“. Er lächelt nicht, weil die Welt für ihn so nett und lustig wäre, sondern er setzt vor den Mitmenschen ein freundliches Gesicht auf. Meine Romanfigur Gregor ist am Ausgangspunkt des Geschehens an einem Ort, an dem viel gesprochen wird und an dem es gleichzeitig kaum einen Dialog gibt. Er arbeitet als Projektleiter ausgerechnet in einer Kommunikationsagentur. Gregor steht vor einem gigantischen Problem. Er kann sich nicht entwickeln, weil sämtliche Gesprächsangebote nicht zum Dialog führen, sondern bestenfalls zu einem Informationsaustausch. Wo kein Du ist, dort versiegt die Hoffnung. Wo keine Hoffnung wächst, dort verkümmert das Ich. Zu Gregors großem Glück „passiert ihm“ diese Begegnung mit einer Arbeitskollegin. Sie lädt ihn mir nichts, dir nichts in einen Swinger Club ein. Diese plötzliche Avance zwingt Gregor dazu, aus der statischen Deckung herauszukommen. Wie aber kommt einer aus der Deckung, der schon lange nicht berührt hat und schon lange nicht berührt wurde?

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„Wer ist Marie? Du stellst dir diese Frage in der Art einer Ermittlung. Du siehst dich als Kommissar, du kennst genügend Kommissare aus Netflix, und du heftest ein Schwarzweißfoto von Marie an eine imaginäre Korkwand und betrachtest dieses Bild von ihr, das schon einmal eines ihrer hervorstechenden körperlichen Merkmale verschweigt, nämlich ihre Rothaarigkeit. Um zu verstehen, wer sie ist, scheint dir also die Haarfarbe unwichtig zu sein, sonst hätte deine Phantasie ein anderes Bild gewählt, um dieser Frau auf den Grund zu kommen. Als du damals an ihr Bett trittst, erscheint sie dir eher als Häuflein, als weggeworfene Holzpuppe, und hier ist ihre letzte Chance, sich Leben einhauchen zu lassen.“

Auszug aus: Tomas Blum, „Wofür wir uns schämen“

Gregor hat sich in seiner bisherigen Existenz so ausgeklügelt eingekapselt, dass der herbeigesehnte Austausch zwischen Ich und Du hauptsächlich im Sandkasten des eigenen Denkens stattfindet. Und dieser Sandkasten ist eine Schmuddelkiste. Denn in ihm liegen gleichermaßen all die Spielzeuge, die Instrumente der Sehnsucht wie der Furcht, und werden von der Erinnerung aufgewühlt und wieder vergraben. So ein Gregor agiert in der Gegenwart immer aus diesem Sandkasten heraus. Dieser Standort ist mit seinem Sammelsurium an Erinnerungen, Empfindungen und Ängsten zugleich seine Zeitmaschine. Der Wind aus der Gegenwart spritzt Gregor permanent den Sand der Vergangenheit in die Augen. Um dort herauszukommen, muss Gregor in den Dialog finden. Er braucht dringend ein Du.

Wofür wir uns schämen

Bei der Konzeption meines Romans war ich beseelt von der Idee Martin Bubers: kein Ich ohne Du (wobei meine Vorstellung des Grundgedankens oben Buber nicht gerecht wird). Ich wollte erfahren (weil Schreiben für mich immer zuerst ein Prozess des Erfahrens ist), wie dieses dialogische Prinzip funktioniert für eine Figur, die nicht aus sich herauskommt – etwa weil die Vergangenheit sie gelehrt hat, dass es riskant sein könnte, sich schutzlos auf andere Menschen einzulassen; weil sie traumatisiert wurde. Beim Schreiben wurde mir sehr schnell klar, dass so ein Mensch sich zuerst „mit sich selbst unterhalten“ würde. Das Bild des Sandkastens bringt es auf den Punkt. Hier wird teils archäologisch aus- und wieder eingegraben; gleichzeitig ist der Sandkasten ein Ort der Kindheit. Die „Erwachsenen“ rufen uns von außerhalb an, aber sie intervenieren auch, sie dringen ein, sie verlassen uns. Eine solche literarische Figur führt die Gespräche der Gegenwart und der Vergangenheit gleichzeitig.

Der Schauspieler Maximilian Wrede beim Dreh zum Buchtrailer von „Wofür wir uns schämen“. Maximilian Wrede ist Absolvent der Reduta Berlin, Schauspielschule für Theater und Film. Hier geht es zu seinem Castforward Profil.

Die Erzählhaltung des inneren Dialogs

Die Erzählhaltung reflektiert die Besonderheiten der Figur durch eine Modifikation dessen, was in der Literatur als „Innerer Monolog“ bekannt ist, zum „Inneren Dialog“. Indem der denkende Gregor sich selbst als „Du“ adressiert, spricht uns gleichsam die erzählende Instanz (die uns Gregors Denken präsentiert) direkt als Leser an. Ein Beispiel:

Du weißt genau, wie es ist, wenn du vom Fahrrad fällst und dir das Knie aufschlägst.

Hier wendet sich der vom Autor Tomas Blum ersonnene Erzähler direkt an dich, eine Leserin, einen Leser. Diese Erfahrung teilen wir, obwohl sie für jeden anders aussieht. Wir beide sind verletzlich und schmerzempfindlich. Nun bette ich denselben Satz ein in einen erzählerischen Kontext:

Die Chefin will, dass ich den Kollegen in der Abteilung mal so richtig einheize. Sie glaubt wohl, sie kann alles mit dir machen. Aber du bist kein Anfänger mehr. Du weißt genau, wie es ist, wenn du vom Fahrrad fällst und dir das Knie aufschlägst.

Derselbe Satz dient hier als Teil eines Gedankenstroms einer Figur, die unter Druck gesetzt wird. Beim Lesen können wir diese Figur beobachten und uns vielleicht mit ihr identifizieren. Wir erleben den Druck durch die Fiktion, deren Bestandteil die Figur ist. Gleichzeitig will uns die erzählende Instanz, an der Figur vorbei, direkt erreichen: Du weißt, wie schmerzhaft das ist, wenn das Knie blutet. Diese Erzählhaltung bewirkt einen eklatanten Konflikt, in dem Figuren sowie Leserinnen und Leser miteinander verwickelt werden. Denn: indem sich der Erzähler direkt (per Du) an uns Lesende wendet, distanziert sich die Figur, deren Gedankenstrom wir doch eigentlich folgen, mit demselben Du von sich selbst. Dort, wo der Erzähler mit den Lesenden in einen Dialog tritt, scheitert die Figur verzweifelt am Zwiegespräch. Das wird deutlich, wenn wir uns vor Augen führen, wie das Gespräch mit der Chefin verlaufen könnte, stünde ihr ein alerter Gesprächspartner gegenüber:

„Du musst den Kollegen in der Abteilung mal so richtig einheizen“, sagt die Chefin.
„Ich weiß, wie es ist, vom Fahrrad zu fallen und mir das Knie aufzuschlagen“, antworte ich.

Die direkte Rede zeigt eine völlig andere Situation: Erstens, Chefin, bin ich nicht blöd. Zweitens erwartest du von mir, dass ich schmerzliche Opfer bringe. Warum sollte ich das tun? Was kriege ich dafür?

Die Lesenden stehen plötzlich beobachtend außen vor. Sie sind nicht mehr Teil des Dialogs und der inneren Erfahrung, sondern souveräne Zuschauer eines Schauspieles. Die Figur Gregor findet im selben Maß aus dem inneren Dialog heraus in das „äußere“ Zwiegespräch mit der erzählten Welt und gewinnt an Souveränität.

Keine Geschlechterrollen mehr: Ins Bang Bang will ich nicht

Mein Roman „Wofür wir uns schämen“ zeichnet in fiktionaler Zeitraffer und unter dem Vergrößerungsglas eine Persönlichkeitsentwicklung. Wie fühlt sich Depression an und wie komme ich da heraus? Gleich zu Beginn wird die in sich selbst gefangene Hauptfigur Gregor in die Außenwelt (der Erwachsenen) eingeladen, an einen Ort des Körperlichen, in einen Swinger-Club. Das erzwingt gedankliche Vorbereitung, um den eigenen Sandkasten (der Kindheit) zu verlassen. Dabei macht Gregor eine unerhörte Entdeckung. Nicht nur er selbst ist verletzlich. Auch die Anderen sind es. Mehr noch: Er teilt die Erfahrung der schlimmsten Stunde seiner Kindheit mit jenem Mädchen, die heute als Frau vor ihm steht und ihn in einen Swinger-Club einlädt. Das Wieder-Kennenlernen stellt die zwei Erwachsenen in denselben seelischen Sandkasten, in den sie in Kindheitstagen geworfen wurden, als die „helfenden“ Erwachsenen um sie herum nicht nur versagten; die vermeintlichen Helfer waren noch diejenigen, die ihr Herz versiegelten. Und an dieser Stelle zielt der Roman auf eine gegenwärtige Realität der Heilpflaster, der verlogenen Übersprungs-Angebote, Ersatzbefriedigungen und Rollenspiele.

„Wo getauscht wird, kann es keine Liebe geben. Ihr teilt jetzt diese Fahrt, weil ihr ein gemeinsames Schicksal teilt, und dieses große Wort Schicksal hat euch zusammengeführt, mal sehen, wie lange das noch hält. Bei Wolken musst du an Fallschirmjäger denken. Sie nämlich fallen aus Wolken heraus. Sie fallen aus wasserumsäumten Staubpartikeln heraus. Fallschirmjäger sind deshalb staubig, schon weil sie der tiefen Vergangenheit angehören, der weit entfernten Vergangenheit. Wenn man auf sie schießt, dann spritzt der Staub von ihren Uniformen. Sie geraten ins Trudeln, weil das Gleichgewicht gestört wird. Wenn sie ihre Wolke verlassen und einen Treffer erhalten, dann können sie ihren Fallschirm nicht mehr so gut steuern, vielleicht überhaupt nicht mehr. Sie sinken dann als Ballast am Fallschirm zu Boden und treffen auf, und wenn sie Pech haben, können sie den Schirm nicht lösen und werden vom Wind über den Boden geschleift. Hier zerfallen sie ohnehin zu Staub, und der Regen, der zu einem kleinen Teil auch aus Staub besteht, wird sie fortwaschen. Es bleiben die Schirme.“

Auszug aus: Tomas Blum, „Wofür wir uns schämen“

Denn es ist ja keineswegs so, als seien Gregor und Marie von einem anderen Stern, auf dem die Uhren anders laufen, während der Rest der Welt ausgeglichen in sich ruht. Nicht erst durch Corona wächst die lange Schlange derer, die Hilfe im therapeutischen Gespräch suchen, weil die gesellschaftlichen Anforderungen das Verständnis vom Dialog verkümmern. Das Zwiegespräch verkommt zum Tausch. Ein Tausch zwischen diversen Gefällen aus Information und Autorität: Reagiere auf Informationen. Reagiere auf Autorität. Reagiere (oder befehle). Verhalte dich. Und in diesem Kontext erhält die Scham ein ganz neues Gesicht, in dem die eigenen Geschichten ausgeblendet werden (müssen), weil es plötzlich nicht mehr um „seelische Gesundheit“, sondern „ums Funktionieren“ in Rollenkontexten geht. Wir lassen uns heute nicht beschämen? Dieser gigantische Irrtum unserer Zeit wird genährt durch ausgeklügeltes Marketing, das viele Gesichter trägt. Ein Rollenangebot ist immer auch Freiheitsberaubung. Auch (und besonders?) in einer permissiven Gesellschaft kann man sich deshalb des Eindruckes nicht erwehren, man sei unter die Räuber gefallen.

Gregor und Marie wollen aber keine Rolle(n) mehr spielen. Sie suchen das Exotische. Was sie suchen, ist nämlich das, was Martin Buber im Titel seines Werkes herauskondensiert als: „Ich und Du“.

Psychologie und Literatur

Eine befreundete Psychotherapeutin hat die literarische Figur Gregor für mich auf die Analyse-Couch gelegt. Daraus resultieren für mich als Autor so viele interessante Einsichten, für die ich sehr dankbar bin. Die zentrale Erkenntnis für mich allerdings möchte ich an dieser Stelle weitergeben, und besonders in diesem Punkt waren wir uns im Gespräch uneinig.

Denn so sehr auch eine fiktive Figur mit den Instrumenten der Psychologie analysiert werden mag, so sollte dies nicht zu einer Pathologisierung führen, die den Blick auf die Gestaltung des Gesamttextes und seine Absicht verstellt. Mein Liebesroman „Wofür wir uns schämen“ ist ein Brennglas, das zeigt, was eine gelingende Begegnung bewirken kann – obwohl die Handlung des Romans bildlich in nur wenigen Tagen vorantreibt, wofür der (therapeutische) Dialog Monate braucht.

Mein Liebesroman thematisiert diese innere Berührung, die durch den gelingenden Dialog entsteht und die letztlich die Liebe zum Menschen – und zum Leben selbst – erweckt.

Auch Tomas Blum ist schon mal aus der Rolle gefallen: Er war 20 Jahre lang tätig als Autor für Awareness-Kampagnen mit den Themenschwerpunkten Geschäftsethik und IT-Sicherheit sowie als Ghostwriter in der politischen Kommunikation und für internationale Coaching-Firmen. 1997 war er Teilnehmer an der Autorenwerkstatt Prosa im Literarischen Colloquium Berlin.