Die Diebe unserer Gegenwart

Häufig wurde im vergangenen Jahr das Wort Verfassung deklamiert. Nicht minder sollten wir das Augenmerk auf unsere innere Verfasstheit lenken.

Was uns von den Diskussionen ans Ohr dringt, reflektiert einen Prozess der Aneignung.

Stets werden wir sagen können: Wir haben es gewusst. Deshalb handeln wir überheblich wie Leute, die alles wissen. Erfahrung meint die Erfahrung aus dem überreizten Verkehr mit dem Diskurs-Gespenst. Wir eignen uns Wortkonstrukte an und tauschen sie mit dem Gespenst – Konstrukte aus farbigen Bauklötzchen, die irgendwie schon da waren.

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Das Kennenlernen zum Handel und hat im eigentlichen Sinn mit Kennen-Lernen nichts mehr gemein.

Wir müssten wieder Gefallen finden an der Unsicherheit. Wer sich nämlich auf unsicheren Boden stellt, erlebt Teilhabe nicht als die Aneignung der vorn Einverleibenden und hinten Ausscheidenden, sondern als Utopie der Gegenwart. An kaum einer Erzählung jedoch finden die Teilnehmenden unserer Zeit mehr Lustgewinn als an der Dystopie.

Die Pandemie unserer Zeit ist die Lust an der Dystopie

Man möchte fast geneigt sein, zu glauben, die Pandemie unserer Zeit sei keine Virusinfektion, sondern die Depression.

Das Reden über das Seelische verfestigt sich zunehmend zum Krankengespräch, so als verhandele man schmutzige Gegenstände, die es mit Reinigungstabletten aufzulösen und fortzuspülen gelte. Der Schmutz soll nicht zu uns gehören. Er wird zum Gegenstand einer Kloaken-Logistik von Weltverbrauchenden.

Wir verbrauchen die Dinge, wir verhandeln die Gegenstände in einem Prozess der sich selbst bezweckenden Kontrolle. Die getriebenen Weltbürger werden von Aneignenden zu Angeeigneten. Compliance ist kein ethischer Entwurf, sondern die Kapitulation der inneren Freiheit. Sie entwickelt sich zum Projekt der Einverleibung. Wir werden uns so verhalten, wie wir es sollen. Und niemand erinnert sich so genau, wo die Quelle des Sollens eigentlich entspringt.

Die getriebenen Weltbürger arbeiten sich im Gebirge des Absurden ab wie Gipfeltouristen, die überhaupt nicht begreifen, wo sie stehen. Vermeintlich unbeobachtet und halb-verlegen hinterlassen sie ihren Müll und erahnen kaum die Wunder, die sie umgeben.

Häufig wurde im vergangenen Jahr das Wort Verfassung deklamiert. Nicht minder sollten wir das Augenmerk auf unsere innere Verfasstheit lenken: weil wir die Besinnung – auf das Ich, auf das Du, auf ein Uns – zunehmend als Einschränkung empfinden.

Wir ganz allein sind die Diebe unserer Gegenwart.

Tomas Blum war 20 Jahre lang tätig als Autor für Awareness-Kampagnen mit den Themenschwerpunkten Geschäftsethik und IT-Sicherheit sowie als Ghostwriter in der politischen Kommunikation und für internationale Coaching-Firmen. Er war Teilnehmer an der Autorenwerkstatt Prosa im Literarischen Colloquium Berlin.

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