Der Kuss

Ein Stück in 9 Sprechakten von Tomas Blum

Ein schwerverletzter Fremder liegt auf der Straße und bittet um einen letzten Kuss. Wären Sie dazu bereit? “Ein Kuss ist nur ein Kuss. Warum nicht?” “Ich kenne den Menschen ja nicht.” “Ich habe Angst, ich könnte mich infizieren.” Lea ist bereit. Spontan beschließt sie, zu helfen. Doch was dann geschieht, überragt ihre Vorstellung. Noch am Unfallort verwandelt sich der Kuss in eine Botschaft. Was entsteht aus einem Kuss, wenn er berührungslos durch unsere moderne Welt aus Likes und Tweets geschickt wird?

Der Kuss (2016): Tatjana Hoffmann, Kira Zurhausen, Fabrice Riese, Lea Eberle, Maximilian Wrede, Michael Matuszewski, Teresa Jacobowitz, Lisa-Maria Damm, Andreas Klinger.
Sprechtraining und Gestaltung: Sophia Katschinski.

“Hinten, neben Vito, sitzt diese Schwedin auf dem Rücksitz. Er will sie einschüchtern. Sie soll zugucken. Ich weiß nicht mal, ob sie wirklich aus Schweden ist oder vom Südpol. Jedenfalls sagt sie, sie heißt Malin. Sie wirkt fast ein bisschen gelangweilt. Oben angekommen halte ich den Wagen direkt hinter Sprinter. Es ist eine Ironie, dass Sprinter keinen Sprinter fährt, sondern einen Dodge. Für solche Gedanken finde ich noch Zeit, da oben. Vito strahlt so eine brutale Autorität aus… Man könnte meinen, die Autofirmen hätten bei ihm um Erlaubnis gefragt, ob sie die Namen für ihre Modelle verwenden dürfen.”

Fabrice in “Der Kuss”

Was verbindet die neun Figuren, die uns in “Der Kuss” begegnen? Da ist zum Beispiel die Stadt, die willkürlich Schicksale zusammenführt; ein Ort der Fluchten und Sehnsüchte. Eine Stadt, die Menschen verdaut und willkürliche Gemeinsamkeiten gebiert, wenn zwei Fremde sich küssen, bloß weil sie dasselbe Produkt tragen. Alles beginnt mit einem tragischen Unfall. Der Unfalltod eines Jungen. Der Vater will den Sohn ein letztes Mal küssen. Doch er selbst liegt schwerverletzt am Boden, wenige Meter entfernt vom sterbenden Kind. Ein Anderer, ein Fremder muss die Aufgabe übernehmen. Der Kuss für den Sterbenden braucht einen Boten, und der Kuss geht als Botschaft in die Welt. “Der Kuss” stellt die Frage, was uns verbindet in einer Welt der Ichbezogenheit. Welche Verantwortung tragen wir für die Menschen um uns herum? Es sind die großen Fragen: Was zwingt uns zu handeln – was hindert uns daran? Welche Scheuklappen sind es, mit denen wir uns Erleichterung verschaffen? Die Figuren in “Der Kuss” suchen die Schlupflöcher in der Realität. Sie flüchten in Geschichten, Fantasien und Träume. Sie flüchten sich in andere, in bessere Menschen hinein.