Wofür wir uns schämen?

Willkommen auf meiner Seite. Mein Blog ist ein innerer Werkstattbericht zu meinem Roman, der am 2. Oktober erscheint. Es geht darin um die Schwierigkeit, in einer beziehungslosen Zeit eine ehrliche Verbindung zu riskieren, die verlogene Geschäftswelt, Geschlechterrollen und um Freiheit.

Falls euch mein Buchtrailer gefällt, klickt auf das Teilen-Symbol im Video, um es Freunden zu schicken. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich Nadja Schimonsky und Maximilian Wrede vom Globe-Theater Berlin als Hauptdarsteller gewinnen konnte.

Die rothaarige Kollegin sitzt schon, seit du hier arbeitest, auf dem Platz hinter dir im Büro. Zu Beginn warst du dir nicht sicher, ob sie es ist, das Mädchen von früher, das Mädchen aus dieser einen Nacht, von der dein Vater dir verboten hat, jemals wieder zu sprechen. Doch als die Kollegin dich anspricht, ob du sie ins Bang Bang begleiten willst, weil da nur Paare reindürfen, gerät deine ganze Welt aus den Fugen.

Tomas Blum – „Wofür wir uns schämen“
Panel 1

Leseproben

„Wofür wir uns schämen“ von Tomas Blum

Die Ansagerin ist eine attraktive Frau. Als Junge stelle ich mir vor, ja, ich wünsche es mir, die beiden Frauen sind meine Eltern, und ich wachse bei ihnen auf. Wie anders wäre mein Leben verlaufen. Sie hätten mich bestimmt geliebt. Aber sie kamen mir auch hysterisch vor, das denke ich schon als Kind, auch wenn ich das Wort Hysterie noch nicht weiß, und Hysterie ist erdrückend, die Männer hängen es den Frauen an, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Dann stehen sie da, die Frauen, mit einem angehängten Wort. Am Ende wäre so ein doppelter Norman Bates aus mir geworden, wenn die Ansagerin auch noch stirbt, die Mama-und-Papa Ansagerin, zwei tote Frauen auf einen Mann, eine Frau ist genug, um verrückt zu werden. Ich habe Angst. Es ist genau diese Sorte von Angst, diese Angst eines Mannes, über die kein Mensch spricht.

Eure Geschichte braucht es nicht, es braucht überhaupt keine Geschichte mehr, um die Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden und um Menschen von da nach dort zu bewegen. Bewegung kann man kaufen, und sie ist zeitlos.

Noch einmal greife ich nach dem Joint in ihrer Hand und stelle fest, es verändert nichts. Es wird sich niemals etwas ändern. Bin ich eigentlich der einzige Mensch auf der Welt, der in der Vielfalt nicht die Möglichkeiten sieht, sondern bloß Risiken wittert? Glücklich ist einer wie ich nur, wenn er ein Stück Chaos zu einer Liste bündeln kann, die er peu à peu mit Häkchen versieht. War ich schon immer so? Doch die gefühlte Wetterlage in meinem Kopf schlägt um. Ein Hochdruckgebiet mit dem Namen der Kollegin nähert sich. Selbst wenn meine Befürchtungen zutreffen, soll sie doch ihre Chancen nutzen. Sie muss blöd sein, wenn sie es nicht tut. Sie ist vom selben Schlag wie ich. Dagegen ist nichts zu sagen. Einen Moment lang gebe ich mich dem Schubs hin, den der Lungenzug verursacht. Ich schließe die Augen und lege den Kopf auf meine Knie. So ist es schön. Ich höre ihren Atem neben mir, wie sie inhaliert und die Luft wieder ausbläst. Dann spüre ich ihren Kuss auf meiner Wange und erschrecke.

Enttäuscht senkt sie die Augenlider und küsst dich dennoch leidenschaftlich als Vorschuss für die Zeit, die da kommt, und wartet, bis du wieder im Auto sitzt und winkt dir, sie winkt noch, als sie nur ein Spiegelbild in deinem Rückspiegel ist. Du hältst den Wagen hinter der nächsten Ecke, dort wird soeben ein Parkplatz frei, darauf stoppst du den Motor und beginnst augenblicklich zu weinen, du flennst wie ein Kind, du weinst, und das ist keine Übertreibung, wie du in deinem gesamten Leben noch nie geweint hast. Jetzt verstehst du diese Müllers und Meiers, diese Halbrocker mit ihren schnulzigen Gefühlen, die Mädchen sind Sensationen, man will ja überhaupt nichts anderes mehr haben als Gefühle, man will die Kieselsteine unter den Fußsohlen fühlen und das Flusswasser, wie es kühl in die Ohren eindringt, man will die Lippen fühlen zwischen anderen, man will fühlen, wie eine andere Hand in die eigene greift, sie waren fortwährend auf der Suche nach Sensationen, dahinter suchten sie erst gar nicht, weil das einfacher so geht, und blieben die Gefühle aus, so holte man sich den Fahrtwind in die Haare, auf helmlosen und rasanten Touren übers Land.

Du hast keine Lust mehr auf Rollen, du willst dich nur noch mit Menschen umgeben, die weder im Kungeln noch im Kämpfen den Motor allen Fortschritts sehen. Das sind die einzigen Worte, die du ihr sagen willst. Darauf soll sie ihre Entscheidung gründen. Wenn nicht, dann nicht.

Der Körper und die Liebe sind in tausend Jahren nicht neu erfunden worden. Neu ist das Design. Dass es Produktverpackungen dafür gibt und Beschriftungen. Neu ist, dass man zwischen tausend Verpackungen wählen muss. Dass man sich dauernd entscheiden muss. Früher hieß Tausend für immer. Man verschickte tausend Küsse. Kein Mensch wollte je so weit zählen. Jetzt fahren wir mit hundert Sachen auf der Landstraße, bald werden Menschen Tausend fahren. Wir fahren hierhin, und der Verstand weiß, wir könnten auch dorthin fahren, oder dorthin. Wohin auch immer. Du hast die Wahl. Das ist also die Freiheit der Erwachsenen.

Panel 2

Termine & Lesungen

Liesmich im Hugendubel

Mittwoch, 2. Oktober 2019 von 18:00 bis 20:00

Gastgeber: Hugendubel Leipzig, Petersstraße / Liesmich Verlag

Ort: Hugendubel Buchhandlung in Leipzig, Petersstraße

Tomas Blum stellt seinen neuen Roman vor. „Wofür wir uns schämen“ erzählt die Geschichte einer Befreiung. Zwei Menschen sind durch ein dunkles Geheimnis in der Kindheit verbunden. Jahrzehnte später treffen sie sich zufällig als Kollegen in einem Unternehmen wieder.

Bier, Vinyl, Literatur

Mittwoch, 2. Oktober 2019 von 20:00 bis 23:00

Gastgeber: Dr. Hops Craft Beer-Bar Leipzig / Liesmich Verlag

Ort: Dr. Hops Craft Beer-Bar Leipzig, Eichendorffstraße 7, 04277 Leipzig

Hops, das ist die englische Bezeichnung für Hopfen und genau den verschreibt Dr. Hops an diesem Abend. Es gibt eine große Auswahl an regionalen und internationalen Bierspezialitäten aus 8 Zapfhähnen, während und nachdem Tomas Blum seinen brandneuen Roman vorstellt. Und zu späterer Stunde legt dann noch der Liesmich-DJ Torsten auf.

Lindenow #15 – Liesmich im Späti

Freitag, 4. Okt. um 18:00 – 6. Okt. um 22:00

Szenische Lesung von Tomas Blum im Rahmen des Lindenow #15.

Vom 4. – 6. Oktober 2019 wird zum 15. Mal das Festival LINDENOW – Kunstraumrundgang im Leipziger Westen stattfinden! In den Stadtteilen Plagwitz, Lindenau und Leutzsch wird an diesem Wochenende zeitgenössische Kunst in den kontinuierlich arbeitenden Kunsträumen sowie an unkonventionellen und ungewohnten Orten zu sehen sein. An insgesamt 52 Kunstorten können thematisch kuratierte Ausstellungen ebenso entdeckt werden wie temporäre Installationen, die sich auf den Stadtraum beziehen. Organisiert wird das Festival vom Lindenow e.V. – dem Netzwerk der unabhängigen Kunsträume im Leipziger Westen. Der Eintritt ist frei. Mehr Infos zum Programm folgen in Kürze!

Panel 3

Der Kuss

Ein Stück in 9 Sprechakten von Tomas Blum

Ein schwerverletzter Fremder liegt auf der Straße und bittet um einen letzten Kuss. Wären Sie dazu bereit? „Ein Kuss ist nur ein Kuss. Warum nicht?“ „Ich kenne den Menschen ja nicht.“ „Ich habe Angst, ich könnte mich infizieren.“ Lea ist bereit. Spontan beschließt sie, zu helfen. Doch was dann geschieht, überragt ihre Vorstellung. Noch am Unfallort verwandelt sich der Kuss in eine Botschaft. Was entsteht aus einem Kuss, wenn er berührungslos durch unsere moderne Welt aus Likes und Tweets geschickt wird?

Der Kuss (2016): Tatjana Hoffmann, Kira Zurhausen, Fabrice Riese, Lea Eberle, Maximilian Wrede, Michael Matuszewski, Teresa Jacobowitz, Lisa-Maria Damm, Andreas Klinger.
Sprechtraining und Gestaltung: Sophia Katschinski.

“Hinten, neben Vito, sitzt diese Schwedin auf dem Rücksitz. Er will sie einschüchtern. Sie soll zugucken. Ich weiß nicht mal, ob sie wirklich aus Schweden ist oder vom Südpol. Jedenfalls sagt sie, sie heißt Malin. Sie wirkt fast ein bisschen gelangweilt. Oben angekommen halte ich den Wagen direkt hinter Sprinter. Es ist eine Ironie, dass Sprinter keinen Sprinter fährt, sondern einen Dodge. Für solche Gedanken finde ich noch Zeit, da oben. Vito strahlt so eine brutale Autorität aus… Man könnte meinen, die Autofirmen hätten bei ihm um Erlaubnis gefragt, ob sie die Namen für ihre Modelle verwenden dürfen.”

Fabrice in „Der Kuss“

Was verbindet die neun Figuren, die uns in „Der Kuss“ begegnen? Da ist zum Beispiel die Stadt, die willkürlich Schicksale zusammenführt; ein Ort der Fluchten und Sehnsüchte. Eine Stadt, die Menschen verdaut und willkürliche Gemeinsamkeiten gebiert, wenn zwei Fremde sich küssen, bloß weil sie dasselbe Produkt tragen. Alles beginnt mit einem tragischen Unfall. Der Unfalltod eines Jungen. Der Vater will den Sohn ein letztes Mal küssen. Doch er selbst liegt schwerverletzt am Boden, wenige Meter entfernt vom sterbenden Kind. Ein Anderer, ein Fremder muss die Aufgabe übernehmen. Der Kuss für den Sterbenden braucht einen Boten, und der Kuss geht als Botschaft in die Welt. „Der Kuss“ stellt die Frage, was uns verbindet in einer Welt der Ichbezogenheit. Welche Verantwortung tragen wir für die Menschen um uns herum? Es sind die großen Fragen: Was zwingt uns zu handeln – was hindert uns daran? Welche Scheuklappen sind es, mit denen wir uns Erleichterung verschaffen? Die Figuren in „Der Kuss“ suchen die Schlupflöcher in der Realität. Sie flüchten in Geschichten, Fantasien und Träume. Sie flüchten sich in andere, in bessere Menschen hinein.

Panel 4

Die wichtigen Dinge

Schreiben gehört für mich zu den Lieblingsbeschäftigungen. Kaum etwas nimmt für mich einen so hohen Stellenwert ein. Ich gebe gern zu, dass ich tatkräftige Unterstützung bekomme. Die Behauptung, meine besten Ideen stammen in Wahrheit von Autorenhündin Yella, werde ich an dieser Stelle weder bestätigen noch dementieren. Doch die dreijährige Hündin ist ohne Zweifel meine Quelle der Inspiration, Fitnesstrainerin, und sie nimmt mich jeden Tag mit in die Wälder und über die Felder, um mich in der Natur zu erden.

Yella vor dem Sturm. Wir haben es gerade noch trockenen Fußes nach Hause geschafft.

Ich beschäftige mich literarisch mit der Frage, wie wir richtig handeln können, obwohl die Sicht auf unsere Handlungsräume nicht so klar ist. In meinen Romanen und Stücken bewähren sich die Hauptfiguren durch ihr Vertrauen, obwohl ihre Umgebung nicht vertrauenswürdig ist: Sie lernen zu lieben. Wo liegen die Grenzen unserer Einfühlung? Worauf können wir uns verlassen, wenn die Worte vertuschen und vortäuschen.

Hauptberuflich war ich 20 Jahre lang als Autor und Ghostwriter in Wirtschaft und Politik tätig. Ein Jahr lang lebte ich in Nordirland (und leide seither unter Heimweh). Durch einen Unfall besann ich mich wieder auf das literarische Schreiben. Das Stück „Der Kuss“ wurde auf der Studiobühne der Reduta Berlin uraufgeführt. 2018 folgte dort die szenische Lesung „Eine europäische Dame“ mit Matteo Forni und Lisa-Maria Damm.

Lisa-Maria Damm in „Eine europäische Dame“ (2018)

Unter Leitung von Burkhard Spinnen und Katja Lange-Müller war ich Teilnehmer an der Autorenwerkstatt Prosa im Literarischen Colloquium Berlin. Der Saarländische Rundfunk produzierte mein Hörspiel „Kriechströme“ mit Werner Wölbern in der Hauptrolle.